Lage vor Ort am 1. März 2026
An alle unsere Freunde
Erneut haben wir den Tag mit Sirenengeheul und Raketenbeschuss begonnen, weil die USA und Israel einen weiteren Krieg gegen den Iran begonnen haben. Wir, und der größte Teil des Landes, haben fast den ganzen Tag in Bunkern und Schutzräumen verbracht, während auf den Flughafen und auf andere Ziele gerichtete Marschflugkörper auf uns niederregneten. Aus einem Ruhetag, einem ruhigen Tag im Ramadan, einem Tag, an dem wir hätten spazieren gehen und die ersten Frühlingsboten genießen können, wurde ein Tag erneuter Angst und Sorge.
Wieder sind wir gefangen in einer Schlacht zwischen enormen Egos, Kompromisslosigkeit und engstirnigen ökonomischen Interessen. Entgegen den großspurigen Worten ist zu bezweifeln, ob die erneute Militäraktion sich positiv auf die Menschen unserer Region auswirken wird, ganz zu schweigen von den angegriffenen und gebeutelten Bürger:innen des Iran. Wir, die wir gegen Gewalt aufstehen, wissen, dass im Krieg letztlich stets unschuldige Zivilisten den Preis bezahlen. Der Tod von 148 Schulmädchen im Iran, der Tod und die Verletzungen unschuldiger Menschen in Bet Shemesh sind unentschuldbar: Wir können das erneute kollaterale Töten und die Gleichgültigkeit der Welt nicht dulden.
Wir beginnen uns gerade erst von dem Schock und den Traumata von über zwei Jahren Krieg in Gaza zu erholen. Zehntausende Menschen im Gazastreifen wurden getötet, Millionen wurden vertrieben ohne Hoffnung auf eine wirkliche Lösung, und die jüdischen Israelis versuchen noch immer, das entsetzliche Massaker am 07. Oktober und die Bedingungen, unter denen die Geiseln so viele lange Tage und Monate gefangen gehalten wurden, zu verarbeiten.
Bitte verzeiht uns also, wenn wir eine weitere Militäroperation nicht begeistert unterstützen – von der wir, noch bevor die erste Rakete fiel, wussten, dass die einen Schutz in Bunkern finden und die anderen Schutz suchen würden, wo immer sie ihn erhofften. Indem unsere Regierung unsere Aufmerksamkeit auf einen alten Kriegsschauplatz richtet, gibt sie den extremistischen rechtsradikalen jüdischen Siedlern die Möglichkeit, ihren Diebstahl und Terror gegen unschuldige palästinensische Familien fortzusetzen, und sie stößt unseren Traum von wahrem Heilen, Erneuerung und Frieden und Verständigung zwischen Palästinensern und Juden aufs Abstellgleis. Zugleich ignoriert sie die Bedürfnisse ihrer eigenen Bürger:innen, unter anderem die von palästinensisch-israelischen Bürger:innen, die Tag für Tag durch unkontrollierte Gewalt getötet werden.
Die Kriegshandlungen der USA, Israels und des Iran geschehen in einer Zeit, in der örtliche NGOs und Friedensaktivisten sich aufmachen zu einer sehr großen Friedenskonferenz in London, in Kooperation mit anderen europäischen Staaten; sie soll und will einen realistischen, politisch begründeten Friedensprozess initiieren. Sie sollte am 12. März beginnen und ihr Beginn ist nun in Frage gestellt. Wie mehrfach zuvor, müssen wir erst lernen, an einem Tisch zu sitzen.
Unsere Grundschule ist bis auf Weiteres geschlossen – noch ein Bruch im Leben junger Menschen, die durch Sirenengeheul und den Widerhall fallender Raketenteile traumatisiert werden. Wir sind physisch sicher; denn wir haben Schutzräume. Manche von uns nutzen die Zeit in den Bunkern dazu, ihre Nachbarn besser kennenzulernen, neue Bücher zu lesen, Hobbies nachzugehen oder sogar Wordle zu spielen.
Unser Glaube daran, dass ein partnerschaftlicher Friede der einzige tragfähige Weg vorwärts – für die Menschheit – ist und dass er über allem anderen stehen muss, bleibt unerschüttert. Unbeirrt setzen wir unsere Friedenserziehung mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln fort und arbeiten daran, in dem gemeinsamen Ringen um Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und eine wirklich friedlich teilende Gesellschaft in unserer Region Menschen für unsere Seite zu gewinnen. Die Gewalt und Aggression um uns herum bedrohen unseren Friedenstraum, doch wir weigern uns, den Glauben daran aufzugeben, dass Frieden sowohl möglich als auch nötig ist.
Wir danken Euch, die Ihr uns geschrieben habt und an uns denkt und für uns betet. Selbst wenn wir isoliert in unseren Betonbunkern sitzen, erinnern uns Eure Worte daran, dass wir stets gute Freunde haben, die uns unterstützen.
Eure Samah und das WaS/NSh Communications und Development team
©Freunde von Neve Shalom – Wahat al-Salam e. V. 04.03.2026
Übersetzung: Ulla Philipps-Heck